Antisemitismus gehört zu jenen Dingen, die Europa schon mehrmals für überwunden erklärte. Das Ergebnis dieser Selbsttäuschung ist bekannt.
Nun ist er wieder da. Nicht überall offen, nicht immer mit den alten Parolen und selten in einer Form, die sich selbst beim Namen nennt. Er kommt zeitgemäss daher, wird weitergereicht, geteilt, angedeutet, mit einem Achselzucken versehen. Und plötzlich werden Sätze wieder gesagt, von denen man glaubte, sie hätten ihren Platz längst nur noch in Geschichtsbüchern.
Wer meint, das habe mit dem Baselbiet wenig zu tun, muss ziemlich weit zurückblättern. Aber nicht sehr weit reisen.
Gleichheit – mit Vorbehalt
Der Kanton Basel-Landschaft war jung, selbstbewusst und stolz auf seine neu errungene Freiheit. Seine erste Verfassung verkündete die Gleichheit der Bürger, schützte Leib, Leben, Ehre und Vermögen und erklärte die Glaubensfreiheit für unverletzlich.
Das war Anfang der 1830er-Jahre.
Es dauerte nicht lange, bis sich zeigte, dass der schöne Grundsatz Grenzen hatte.
Juden waren in der Landschaft keineswegs unbekannt. Bereits für das Jahr 1348 sind Juden in Liestal erwähnt. Im 15. Jahrhundert mussten jüdische Reisende in Augst, Diepflingen, Sissach und Waldenburg besondere Leibzölle bezahlen. Später bestanden rege Handelsbeziehungen zwischen jüdischen Gemeinden im Elsass und der Bevölkerung auf der Landschaft. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts lebten einzelne jüdische Familien auch dauerhaft hier.
Kaum war Baselland selbständig, gingen neue Niederlassungsgesuche ein. 1833 wollten zwei Angehörige der Familie Maus Wohnrecht in Ziefen und Liestal erhalten. Drei Brüder Ditisheim aus Hegenheim interessierten sich für Gelterkinden.
Der Regierungsrat bewilligte zunächst Gesuche, zog Bewilligungen später wieder zurück und lehnte weitere Begehren ab.
Die Freiheit war also vorhanden.
Man musste nur zur richtigen Gruppe gehören.
Ein Landgut bei Reinach
Richtig ungemütlich wurde es zwei Jahre später.
Im April 1835 kauften die Brüder Alexander und Baruch Wahl aus Mülhausen ein Landgut in und um Reinach. Kaufpreis: 86’000 Franken in französischer Währung. Die beiden waren französische Juden.
Um gar keinen Verdacht aufkommen zu lassen, erklärten sie ausdrücklich, sie wollten sich auf dem Gut weder niederlassen noch dort ein Gewerbe betreiben.
Der Kauf schien zunächst seinen geregelten Gang zu nehmen.
Dann kam Politik ins Spiel.
Im Landrat wurde eine Eingabe verlesen, in der gegen den Kauf protestiert und mit judenfeindlichen Argumenten vor einer jüdischen Ansiedlung im Baselbiet gewarnt wurde. Obwohl der Regierungsrat festhielt, gesetzeskonform gehandelt zu haben, erklärte der Landrat die Kaufbewilligung am 11. Mai 1835 für nichtig.
Frankreich sah das etwas anders.
Die Käufer waren französische Staatsbürger, und Frankreich pochte auf die bestehenden Verträge. Es folgten diplomatische Interventionen, Schreiben nach Liestal und schliesslich handfeste Gegenmassnahmen.
Die trafen nun ausgerechnet Baselbieter.
Wer im Elsass Land besass, konnte seine Felder nicht mehr ungehindert bewirtschaften. Militärpensionen sollten nicht mehr ausbezahlt werden, gewisse vertragliche Vergünstigungen entfielen, Pässe nach Frankreich wurden verweigert.
Im Winter liess sich das noch aushalten.
Als der Sommer kam und die Ernte auf den Feldern stand, wurde die Sache lästig.
In Liestal stieg die Kompromissbereitschaft.
Nach langem Feilschen bewilligte der Landrat im Juli 1836 schliesslich 25’000 Franken Entschädigung.
Vorurteile können teuer werden. Diese Erkenntnis ist ebenfalls nicht ganz neu.
Juden unerwünscht
Damit war die Sache keineswegs erledigt.
1839 erliess die Regierung eine Verordnung, wonach niemand einem Juden dauernden Aufenthalt gewähren durfte. Ausserhalb der Jahrmärkte sollten Juden sich grundsätzlich nicht im Kanton aufhalten dürfen. Die Polizei erhielt den Auftrag, dafür zu sorgen.
Das Bemerkenswerte daran: Ein Teil der Bevölkerung spielte nicht mit.
Christliche Geschäftsleute beschäftigten weiterhin jüdische Händler. Manche erklärten offen, dass sie sich der Verordnung nicht unterwerfen würden. Gerichte verhängten geringe Strafen oder sprachen Beschuldigte frei. Selbst Polizeiorgane führten angeordnete Ausschaffungen teilweise nicht durch.
Die Regierung wollte Juden loswerden.
Ein Teil der eigenen Bevölkerung wollte sie behalten.
Nicht unbedingt aus Menschenliebe. Jüdische Händler waren für viele Bauern und Kunden schlicht nützlich. Sie kauften Vieh und landwirtschaftliche Erzeugnisse und boten Waren teilweise günstiger an als die einheimischen Krämer. Gerade diese Konkurrenz war wiederum einer der Gründe, weshalb Gewerbetreibende politischen Druck machten.
Der Antisemitismus jener Jahre hatte also auch eine ausgesprochen handfeste Seite.
Es ging um Marktanteile.
Das Judengesetz von 1851
1851 machte Baselland daraus ein Gesetz.
Juden sollten sich im Kanton nicht niederlassen dürfen. Handel und Gewerbe wurden ihnen untersagt, ebenso der Viehhandel. Nur an öffentlichen Märkten durften sie ihre Waren anbieten. Selbst die Beschäftigung jüdischer Arbeitnehmer sollte eingeschränkt werden.
Am 17. November 1851 nahm der Landrat das Gesetz mit 25 gegen 12 Stimmen an.
Das geschah zu einer Zeit, als die rechtliche Gleichstellung der Juden in verschiedenen Teilen Europas längst vorankam.
Baselland ging noch einmal zurück.
Und gründlich.
1853 wurden jüdische Geschäfte geschlossen und versiegelt. Mehrere Händler mussten den Kanton verlassen. Ausnahmen gab es für einzelne Familien und Geschäftsleute, für die sich Gemeinden besonders eingesetzt hatten.
Auch das ist bemerkenswert: Gemeinden wie Rümlingen, Thürnen oder Känerkinden intervenierten zugunsten jüdischer Händler.
Die Geschichte des Baselbieter Antisemitismus ist deshalb keine bequeme Erzählung von «den damaligen Leuten».
Es gab Täter, Profiteure, Gleichgültige und Gegner der Ausgrenzung.
Wie meistens.
Baselland brauchte etwas länger
Die Handelsbeschränkungen fielen erst 1861.
Das freie Niederlassungsrecht blieb Juden weiterhin verwehrt. Noch im selben Jahr wurde ein Gesuch des in Rümlingen wohnhaften Samuel Woog abgelehnt, seine Frau und seine Kinder bei sich niederlassen zu dürfen.
Erst am 11. Dezember 1865 lenkte der Landrat ein.
Baselland war damit der letzte Schweizer Kanton, der Juden die Niederlassung gestattete. Wenig später stimmte das Baselbieter Volk bei der eidgenössischen Abstimmung über die Gleichstellung der Juden mit 4246 Ja gegen 2612 Nein immerhin deutlich zu.
Die Bevölkerung war offenbar schon weiter als manche ihrer Behörden.
Auch das kommt vor.
Und was hat das mit uns zu tun?
Man könnte diese Geschichte bequem unter «Damals» ablegen.
Schwierige Zeiten. Andere Verhältnisse. Andere Menschen.
Damit wäre sie entsorgt.
Nur funktioniert Geschichte leider nicht so ordentlich.
Antisemitismus hat sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder neue Begründungen gesucht. Einmal war der Jude der unerwünschte Händler. Dann der Konkurrent. Dann der Fremde. Dann der angeblich Mächtige, der angeblich Reiche, der angeblich Strippenziehende im Hintergrund.
Das Muster blieb erstaunlich haltbar.
Aus Menschen wird eine Gruppe. Aus der Gruppe wird ein Verdacht. Und irgendwann genügt die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, um einem Menschen Eigenschaften, Absichten oder Schuld zuzuschreiben.
Dafür braucht es keinen braunen Mantel und keine Hakenkreuzfahne.
Ein Gerücht genügt oft.
Ein halbwissendes «Man wird ja wohl noch sagen dürfen».
Ein weitergeleiteter Beitrag.
Ein Witz.
Oder einfach Schweigen, wenn der Witz erzählt wird.
Das junge Baselbiet schrieb sich die Gleichheit auf die Fahne und brauchte danach mehr als drei Jahrzehnte, bis diese Gleichheit auch für Juden galt.
Darüber kann man heute den Kopf schütteln.
Man sollte nur nicht zu lange schütteln.
Sonst übersieht man womöglich, was gerade wieder vor der eigenen Nase geschieht.
Quelle:
Joel S. Guttmann: «Die Ursprünge der Juden im Kanton Baselland», Baselbieter Heimatblätter, Band 58, Heft 2, 1993, S. 56–67. Der Beitrag erschien erstmals 1975 in der «Jüdischen Rundschau – Maccabi». DOI: 10.5169/seals-860054.
Bild: Liestal im Jahr 1642. Kupferstich von Matthäus Merian aus der «Topographia Helvetiae». Bereits Jahrhunderte vor der Kantonsgründung gehörten jüdische Händler und Reisende zur Geschichte der Region.
