Schweizer Schülerinnen und Schüler können immer schlechter lesen. Das zeigen die PISA-Erhebungen seit 2012 mit ernüchternder Deutlichkeit.
Damals erreichten die Schweizer Jugendlichen beim Lesen durchschnittlich 509 Punkte. 2015 waren es 492, 2018 noch 484 und 2022 lediglich 483 Punkte. Bei PISA 2025 sank der Wert weiter auf 470 Punkte. Gleichzeitig stieg der Anteil der Jugendlichen, welche die Mindestkompetenz im Lesen verfehlen, auf 28,8 Prozent.
Fast drei von zehn 15-Jährigen haben somit Mühe, einen Text zu verstehen, Informationen daraus zu entnehmen und das Gelesene einzuordnen. Man kann über PISA, seine Aufgaben und die Aussagekraft internationaler Vergleiche lange diskutieren. Die Richtung lässt sich dadurch schwer wegreden: Seit Jahren geht es beim Lesen abwärts.
Das hat Folgen. Wer einen Text nur mühsam versteht, kämpft später mit Gebrauchsanweisungen, Verträgen und amtlichen Schreiben. Auch in der Berufslehre wird es schwierig. Selbst politische Mitsprache setzt voraus, dass man eine Abstimmungsvorlage lesen und verschiedene Behauptungen gegeneinander abwägen kann.
Lesen gehört zu den Grundlagen eines selbständigen Lebens. Umso erstaunlicher ist es, wie gelassen die Bildungspolitik den Niedergang verwaltet.
Als der Schwamm noch nach Schule roch
Wenn ich an meine Schulzeit denke, sehe ich zuerst die grosse schwarze Wandtafel. Daneben hing ein Schwamm, der am Morgen noch feucht war und gegen Mittag einen eigentümlichen Geruch verbreitete. Der Lehrer schrieb mit Kreide, wir schrieben mit Bleistift oder Füllfeder ab. Geriet jemand beim kleinen Einmaleins ins Stocken, wurde weitergeübt. So lange, bis es sass.
Diese Schule war gewiss kein Paradies. Manche Lehrer waren streng, einige ungerecht und einzelne pädagogisch ungefähr so begabt wie ein Briefkasten. Kinder wurden blossgestellt oder vorschnell als wenig begabt abgestempelt. Wer aus irgendeinem Grund nicht mithalten konnte, hatte es schwer.
Diese Schule will ich nicht zurück.
Etwas hat sie allerdings besser verstanden als manches heutige Bildungskonzept: Eine Schule braucht einen klaren Auftrag. Kinder sollen lesen, schreiben und rechnen lernen. Sie sollen erfahren, wo der Rhein entspringt, weshalb es Jahreszeiten gibt und wer Jeremias Gotthelf war. Dazu kamen früher Anstand, Pünktlichkeit und die leidige Pflicht, am richtigen Tag die Turnsachen mitzubringen.
Heute besitzt kaum noch ein Schulzimmer eine schwarze Wandtafel. Dafür gibt es Lernlandschaften, Kompetenzraster, Wochenpläne, digitale Plattformen, Förderkonzepte, Standortgespräche und Beurteilungsberichte. Die Kinder arbeiten selbstorganisiert, die Lehrperson begleitet den Lernprozess und aus einer falschen Rechnung wird eine wertvolle Lernerfahrung.
Das klingt ausgezeichnet. Bloss sollten die Kinder am Ende auch rechnen können.
Die Volksschule steht noch
Wer vom vollständigen Ruin der Schweizer Volksschule spricht, übertreibt. Unsere Jugendlichen erzielen im internationalen Vergleich weiterhin beachtliche Leistungen. Besonders in Mathematik und Naturwissenschaften liegt die Schweiz über dem Durchschnitt der OECD-Länder.
Die Volksschule steht also noch. Ihr Dach ist gedeckt, die Fenster sind ganz und in den Schulzimmern wird jeden Tag ernsthaft gearbeitet. Doch im Gebälk knarrt es inzwischen vernehmlich.
Viele Lehrpersonen reden darüber. Häufig werden sie erst offen, wenn keine Vorgesetzten und Bildungspolitiker im Raum sitzen. Die Formulare nehmen zu, die Klassen werden anspruchsvoller und die Erwartungen wachsen. Jede gesellschaftliche Schwierigkeit findet früher oder später den Weg ins Schulzimmer.
Die Schule kümmert sich um Ernährung und Bewegung, Sexualität und Medienkonsum, Mobbing, Klimaschutz, Integration, Gewaltprävention und seelische Gesundheit. Inzwischen kommt der verantwortungsvolle Umgang mit künstlicher Intelligenz hinzu. Jedes dieser Themen hat seine Berechtigung. Zusammen füllen sie jedoch einen Rucksack, den kaum jemand mehr tragen kann.
Irgendwo zwischen Präventionsprojekt, Standortgespräch und Medienwoche wartet noch das Bruchrechnen.
Den Lehrpersonen ist daraus kaum ein Vorwurf zu machen. Die Politik und die Gesellschaft laden immer mehr Aufgaben bei der Schule ab. Gleichzeitig erwarten sie, dass sich die Leistungen verbessern. Das erinnert an einen Wirt, der die Speisekarte laufend erweitert, dem Koch aber weder mehr Zeit noch eine grössere Küche zugesteht.
Seit Jahrzehnten wird umgebaut
Kaum hat sich eine Schule an neue Lehrmittel, Methoden und Beurteilungsformen gewöhnt, steht bereits der nächste Umbau bevor. Begriffe ändern sich, Konzepte werden eingeführt und Zuständigkeiten verschoben. Jede Neuerung verspricht eine gerechtere, modernere und kindgerechtere Schule.
Das Wort «Reform» klingt stets nach Fortschritt. Es sagt allerdings wenig darüber aus, ob die Veränderung tatsächlich etwas verbessert. Man kann ein Haus auch so oft umbauen, bis niemand mehr weiss, wo früher die Küche war.
Ich halte deshalb eine Reformpause von mindestens fünf Jahren für vernünftig. In dieser Zeit sollten die Schulen mit den vorhandenen Lehrmitteln und Strukturen arbeiten können. Gleichzeitig wäre gründlich zu untersuchen, welche Methoden den Kindern tatsächlich helfen. Was sich bewährt, darf bleiben. Was bloss Arbeit verursacht und keine besseren Ergebnisse bringt, gehört beendet.
Schulen eignen sich schlecht als Versuchslabore für jede neue Idee, die an einer Pädagogischen Hochschule entwickelt und mit einem englischen Namen versehen wurde. Kinder haben nur eine Schulzeit. Ein missglückter Versuch lässt sich bei ihnen später kaum zurücksetzen.
Ein Lehrer darf Lehrer sein
Mich stört der Bedeutungswandel des Lehrerberufs. Früher war ein Lehrer jemand, der etwas wusste und dieses Wissen weitergab. Er erklärte, fragte ab, korrigierte und übte. Heute soll die Lehrperson vermehrt Lernbegleiterin oder Coach sein.
Ein Coach steht am Rand, beobachtet den Prozess und gibt bei Bedarf einen Impuls. Bei Erwachsenen, die wissen, was sie erreichen wollen, kann das gut funktionieren. Ein achtjähriges Kind kennt sein Lernziel nur selten. Es weiss auch kaum, welche Grundlagen es in zehn Jahren benötigen wird.
Das Kind kann schwer beurteilen, ob es die schriftliche Division genügend verstanden hat. Wenn es wählen darf, greift es verständlicherweise gern zu einer Aufgabe, die Spass macht und rasch gelingt. Auch Erwachsene erledigen zuerst jene Arbeit, die ihnen leichtfällt. Sie nennen es dann allerdings Prioritätensetzung.
Selbstorganisiertes Lernen verlangt Ausdauer, Zeitgefühl, Konzentration, Frustrationstoleranz und eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. All das entwickelt sich erst im Laufe der Kindheit.
Kinder, die diese Fähigkeiten von zu Hause mitbringen, kommen mit Wochenplänen und Lernlandschaften häufig gut zurecht. Andere verlieren den Faden. Sie beginnen irgendwo, wechseln bald die Aufgabe und lernen vor allem, wie man beschäftigt aussieht.
Gerade sie brauchen eine Lehrerin oder einen Lehrer, der etwas verständlich erklärt, gemeinsam mit der Klasse übt und anschliessend hinschaut, ob es angekommen ist.
Lehrpersonen sollen wieder unterrichten dürfen. Dazu gehören Wissensvermittlung, Führung und klare Anforderungen. Eine Lehrerin ist mehr als die Verwalterin individueller Lernprozesse. Ein Lehrer ist mehr als ein Verteiler von Arbeitsblättern.
Üben ist aus der Mode gekommen
Auch das Üben hat einen schlechten Ruf bekommen. Es gilt rasch als stumpfsinnig, überholt oder wenig kindgerecht. Dabei lernt kein Mensch Klavier spielen, indem er über seine musikalischen Kompetenzen nachdenkt. Er spielt Tonleitern, wiederholt schwierige Takte und beginnt nach einem Fehler nochmals von vorn.
Ein Schreinerlehrling wird zum Handwerker, indem er mit Holz arbeitet. Er macht Fehler, hört einem erfahrenen Berufsmann zu und versucht es erneut. Ein Hobel lässt sich von einem farbigen Punkt im Kompetenzraster wenig beeindrucken.
Beim Lesen, Schreiben und Rechnen verhält es sich ähnlich. Buchstaben müssen sich einprägen. Wörter wollen gelesen, geschrieben, verbessert und nochmals geschrieben werden. Das kleine Einmaleins sollte so vertraut sein, dass im Kopf noch Platz für die eigentliche Rechenaufgabe bleibt.
Lernen darf Freude bereiten. Eine gute Lehrerin kann eine ganze Klasse für ein Gedicht, das Leben in einem Bienenstock oder die Geschichte der Römer begeistern. Häufig entsteht diese Freude jedoch erst, wenn man etwas beherrscht. Wer bei jedem zweiten Wort stockt, greift selten freiwillig zu einem Buch. Wer bei jeder einfachen Multiplikation an den Fingern abzählen muss, wird sich kaum für Mathematik begeistern.
Wir haben das Üben verdächtig gemacht. Nun wundern wir uns über fehlende Grundlagen.
Lesen, Schreiben und Rechnen gehören täglich in den Unterricht. Das klingt wenig spektakulär und eignet sich schlecht für eine teure Weiterbildung mit Hochglanzbroschüre. Vermutlich liegt gerade darin seine Stärke.
Den höchsten Preis bezahlen die Schwächeren
Moderne Unterrichtsformen werden häufig mit Chancengerechtigkeit begründet. In der Praxis können sie bestehende Unterschiede noch vergrössern.
Kinder aus bildungsnahen Familien erhalten zu Hause Unterstützung. Ihre Eltern lesen ihnen vor, erklären Aufgaben, kaufen Bücher und merken früh, wenn etwas schiefläuft. Falls nötig, organisieren und bezahlen sie Nachhilfeunterricht.
Andere Kinder haben diese Hilfe kaum. Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen die Schule die Grundlagen vermittelt. Für sie sind klare Strukturen, verständliche Erklärungen und regelmässiges Üben besonders wichtig.
Wenn fast drei von zehn Jugendlichen die Mindestkompetenz beim Lesen verfehlen, hilft eine freundliche Umschreibung wenig. Diese jungen Menschen haben später schlechtere Chancen in der Ausbildung und im Beruf. Viele werden ihr Leben lang versuchen, ihre Unsicherheit beim Lesen zu verbergen.
Leseschwierigkeiten müssen deshalb früh erkannt werden. Die Unterstützung sollte unmittelbar einsetzen und so lange dauern, bis ein Kind den Anschluss gefunden hat. Dafür braucht es gut ausgebildete Fachpersonen, zeitweise kleinere Lerngruppen und genügend Unterrichtsstunden.
Chancengerechtigkeit beweist sich weder in einem Leitbild noch in einer Broschüre. Sie zeigt sich an einem Kind, das zu Hause kaum Unterstützung erhält und am Ende der Schulzeit trotzdem einen anspruchsvollen Text versteht.
Mehr Erwachsene, mehr Sitzungen, mehr Berichte
Viele Lehrpersonen leisten unter schwierigen Bedingungen hervorragende Arbeit. Sie bereiten am Abend Lektionen vor, schreiben Berichte und beantworten E-Mails besorgter Eltern. In ihren Klassen sitzen Kinder, die wenig Deutsch verstehen, hochbegabte Kinder, Kinder mit Lernschwierigkeiten und solche, die während einer Lektion mehr Aufmerksamkeit beanspruchen als früher eine ganze Klasse.
Die Idee, möglichst viele Kinder gemeinsam zu unterrichten, ist menschlich nachvollziehbar. Im Schulalltag stösst sie an Grenzen. Eine einzelne Lehrperson kann kaum gleichzeitig mehrere Leistungsstufen bedienen, soziale Konflikte lösen, individuelle Förderziele verfolgen und eine ruhige Lernatmosphäre erhalten.
Das System reagiert darauf mit zusätzlichen Fachpersonen. Heilpädagoginnen, Schulsozialarbeiter, Assistenzen, Therapeutinnen und Beratungsstellen leisten wertvolle Arbeit. Mit jeder Zuständigkeit wächst aber auch der Aufwand für Absprachen und Dokumentation.
Gelegentlich sitzen mehr Erwachsene an einem runden Tisch, als das betroffene Kind Lebensjahre zählt.
Lehrpersonen brauchen Entlastung von Berichten, Sitzungen und Nachweisen, deren Nutzen zweifelhaft bleibt. Die dadurch gewonnene Zeit gehört in die Vorbereitung und in den Unterricht. Eine gute Schulstunde entsteht selten in einem Sitzungsprotokoll. Sie entsteht in der Begegnung zwischen einem Erwachsenen und einer Klasse.
Der Markt wird die Schule kaum retten
Wenn die Unzufriedenheit mit der Volksschule wächst, wird regelmässig nach mehr Wettbewerb gerufen. Eltern sollen frei wählen können, welche Schule ihr Kind besucht. Das staatliche Geld würde dem Kind folgen und an die gewählte Schule fliessen.
Die Idee der Bildungsgutscheine besitzt auf den ersten Blick einen gewissen Reiz. Heute können vor allem wohlhabende Eltern ausweichen. Sie bezahlen eine Privatschule oder ziehen in eine Gemeinde, deren Schulen einen guten Ruf geniessen. Ein Gutschein könnte diese Möglichkeit weiteren Familien eröffnen.
Damit entstünden jedoch neue Schwierigkeiten. Schulen könnten bevorzugt um leistungsstarke und pflegeleichte Kinder werben. Gut ausgebildete Eltern würden Angebote vergleichen, Informationsveranstaltungen besuchen und ihre Kinder rechtzeitig anmelden. Familien, die sich bereits heute im Bildungssystem schlecht zurechtfinden, hätten auch in diesem Wettbewerb die schlechteren Karten.
Für die Dorfschulen wäre die Entwicklung besonders heikel. Verlieren sie Schülerinnen und Schüler, sinken ihre Einnahmen. Das Angebot wird kleiner, Klassen werden zusammengelegt und irgendwann steht die Schliessung zur Diskussion. Am Ende fahren die Kinder morgens mit Bussen in verschiedene Richtungen, während das Schulhaus im Dorf leer bleibt.
Die öffentliche Schule erfüllt zudem eine gesellschaftliche Aufgabe. In ihr begegnen sich Kinder aus Familien, die sonst wenig miteinander zu tun hätten. Der Sohn des Schreiners sitzt neben der Tochter der Ärztin. Das Kind aus einer alteingesessenen Familie teilt die Schulbank mit einem Kind, dessen Eltern erst vor wenigen Jahren in die Schweiz gekommen sind.
Solche Begegnungen verlaufen gelegentlich mühsam. Genau darin liegt ihr Wert.
Die Antwort auf ungenügende Schulen kann daher kaum lauten, dass möglichst viele Eltern einen Ausgang suchen. Jede öffentliche Schule muss so gut sein, dass Familien ihr vertrauen können.
Es braucht wieder Boden unter den Füssen
Pestalozzi sprach von Kopf, Herz und Hand. Heute würde aus diesen drei Wörtern vermutlich ein umfangreiches Kompetenzmodell entstehen, samt Begleitordner, Einführungskurs und digitalem Auswertungsinstrument.
Pestalozzis drei Wörter reichten aus.
Auch die dringendsten Verbesserungen an unserer Volksschule benötigen keinen pädagogischen Grossentwurf. Lesen, Schreiben und Rechnen müssen wieder mehr Gewicht erhalten. Lehrpersonen sollen ihre Klassen unterrichten und führen können. Kinder mit Schwierigkeiten brauchen frühzeitig gezielte Hilfe. Gleichzeitig ist der bürokratische Aufwand deutlich zu verringern.
Vor allem braucht die Schule Ruhe. Lehrmittel dürfen länger als ein paar Jahre verwendet werden. Methoden gehören nüchtern geprüft. Ein gescheiterter Versuch darf auch wieder beendet werden. Und den Kindern können wir zumuten, dass Lernen gelegentlich anstrengend ist.
Die jüngsten PISA-Ergebnisse sind ein Warnsignal. Wenn nahezu drei von zehn Jugendlichen beim Lesen das Mindestniveau verfehlen, geht es längst um mehr als eine bildungspolitische Debatte. Aus mangelnder Lesekompetenz entsteht ein gesellschaftliches Problem.
Die Volksschule ist zu wichtig, um sie jeder pädagogischen Mode auszuliefern.
Sie muss wieder Schule sein.
Quellen:
PISA 2025 – Ergebnisse in Kürze;
EDK: Publikation der PISA-Ergebnisse 2025;
PISA 2022 – Die Schweiz im Fokus.
Symbolbild, mit künstlicher Intelligenz erstellt.
