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Serie · Alte Handwerke

Als Gedeon Thommen noch Seiler war

von | 20. Sep. 2026 | Land & Leute

Bevor Gedeon Thommen zum Uhrenfabrikanten wurde und die wirtschaftliche Entwicklung des Waldenburgertals mitprägte, arbeitete er in einem Handwerk, das heute fast verschwunden ist. Gemeinsam mit seinem Vater Martin Thommen betrieb er in Waldenburg eine Seilerbahn.

Mit dem Namen Gedeon Thommen verbindet man heute vor allem die Uhrenindustrie und die Waldenburgerbahn. Weniger bekannt ist, womit der 1831 geborene Unternehmer sein Berufsleben begann: mit Hanf, Flachs und langen Seilen. Sein Vater Martin Thommen war Seiler. Auch der junge Gedeon lernte dieses Handwerk. Die beiden arbeiteten auf einer Seilerbahn in Waldenburg – auf jenem Grundstück, auf dem später Fritz Heid von «Tschudin und Heid» seine Villa errichten liess. Später ging das Anwesen an dessen Schwiegersohn Reinhard Straumann-Heid über.

Ein Handwerk, das Platz brauchte

Eine Seilerei hatte mit einer gewöhnlichen Werkstatt wenig gemeinsam. Für die Herstellung langer Seile brauchte es eine möglichst gerade Arbeitsbahn, die sich über viele Dutzend Meter erstrecken konnte. Daher der Name Seilerbahn.

Hier wurden die vorbereiteten Fasern versponnen, zu Litzen zusammengefügt und schliesslich miteinander verdreht. Der Seiler bewegte sich dabei über die Bahn, hielt die Spannung unter Kontrolle und sorgte dafür, dass das entstehende Seil über seine ganze Länge möglichst gleichmässig wurde.

Ausgangsmaterial waren vor allem Hanf und Flachs. Die Pflanzenfasern mussten zunächst aufbereitet und gehechelt werden. Beim Hecheln wurden sie gekämmt, geordnet und von gröberen Bestandteilen befreit. Erst danach liessen sie sich zu Garn beziehungsweise Schnüren verarbeiten.

Mehrere dieser Stränge wurden anschliessend zu Litzen verdreht, mehrere Litzen wiederum ergaben das fertige Seil.

Was einfach klingt, verlangte Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Die Spannung musste stimmen, die Drehung gleichmässig erfolgen. Ein schlecht gearbeitetes Seil konnte unter Belastung versagen – und das konnte im Alltag durchaus gefährlich werden.

Ohne Seile ging wenig

Im 19. Jahrhundert gehörten Seile zu den alltäglichen Gebrauchsgegenständen. Auf den Strassen über den Oberen Hauenstein waren Fuhrwerke unterwegs, Waren wurden geladen, festgezurrt und gesichert. Zugtiere mussten geführt, Wagen beladen und Lasten befestigt werden.

Auch in der Landwirtschaft ging es kaum ohne Stricke und Seile. Sie kamen beim Heuen, beim Transport, im Stall und beim Umgang mit Vieh zum Einsatz. Handwerker benötigten sie zum Heben, Ziehen oder Sichern von Materialien.

Dabei war Seil nicht gleich Seil. Je nach Verwendungszweck mussten Stärke, Länge und Verarbeitung angepasst werden. Ein dünner Strick für den Stall hatte andere Anforderungen zu erfüllen als ein kräftiges Zugseil, das schwere Lasten halten musste.

Der Seiler musste deshalb sein Material kennen. Vieles beruhte auf Erfahrung: Wie stark liess sich eine Faser belasten? Wie eng musste sie gedreht werden? Welche Stärke war für welchen Zweck geeignet?

Heute wird ein Stück Kunststoff- oder Nylonseil im Baumarkt von der Rolle geschnitten. Im 19. Jahrhundert stand dahinter ein Handwerk mit zahlreichen Arbeitsschritten.

Ein Gewerbe mit langer Geschichte

Seile gehören zu den ältesten Hilfsmitteln der Menschheit. Schon frühe Kulturen stellten Schnüre und Seile aus Pflanzenfasern her. Auch aus prähistorischen Siedlungen sind entsprechende Funde bekannt. Bei den früher als Pfahlbauer bezeichneten Bewohnern der Feuchtbodensiedlungen wurden ebenfalls Schnüre und Seilreste nachgewiesen.

Über Jahrhunderte änderte sich das Grundprinzip der Herstellung kaum. Fasern wurden vorbereitet, versponnen und miteinander verdreht. Erst die Industrialisierung brachte grundlegende Veränderungen.

Im 19. Jahrhundert konnten Seile zunehmend maschinell und in grösseren Mengen hergestellt werden. Gleichzeitig veränderte sich der Verkehr. Mit dem Ausbau der Eisenbahn verlor der Transport mit Fuhrwerken über die alten Passstrassen allmählich an Bedeutung. Später kamen neue Werkstoffe hinzu, die Naturfasern in vielen Bereichen verdrängten.

Damit verschwand auch die klassische Seilerbahn nach und nach aus dem Dorfbild.

Ganz ausgestorben ist das Handwerk allerdings nicht. In Winterthur besteht mit der Seilerei Kislig bis heute ein traditionsreicher Betrieb. Seit 1878 werden dort Seile und Stricke hergestellt; das Unternehmen gehört zu den letzten noch bestehenden Seilereien dieser Art in der Schweiz.

Vom Seiler zum Uhrenfabrikanten

Für Gedeon Thommen führte der berufliche Weg bald in eine andere Richtung. Er verliess das erlernte Handwerk und wandte sich der aufkommenden Uhrenindustrie zu. Später wurde er zu einer wichtigen Unternehmerpersönlichkeit im Waldenburgertal und engagierte sich auch für den Bau der Waldenburgerbahn.

Seine ersten Berufsjahre verbrachte er jedoch nicht hinter einem Schreibtisch und auch nicht in einer Uhrenfabrik.

Sie verbrachte er auf einer langen Seilerbahn in Waldenburg.

Dort lernte er ein Gewerbe, bei dem Materialkenntnis, Genauigkeit und Geduld über die Qualität des fertigen Produkts entschieden. Eigenschaften, die ihm auch in seinem späteren Berufsleben kaum geschadet haben dürften.


Serie «Alte Handwerke»: In dieser Reihe erinnert «Oben im Baselbiet» an Berufe, die während Jahrhunderten zum Alltag der Region gehörten und heute weitgehend verschwunden sind.

Foto: Fotoarchiv Oben im Baselbiet